in memoriam: amy halpern

Zärtlichkeit, Lebendigkeit und Sinnlichkeit prägen die Experimentalfilme von Amy Halpern (1953-2022), einer Filmemacherin, Kuratorin, Kamerafrau, (nicht-vertragsgebundenen) Pädagogin und Stenotypistin (für eine Frauenzeitschrift), die ihre prägenden Jahre in New York City verbrachte. Sie gehörte 1972 zu den Gründungsmitgliedern des Collective for Living Cinema, einer neugierigen und etwas wahnwitzigen Initiative, die die Gewissheiten des Filmkanons problematisieren und die Hierarchien in der Filmkultur zwischen Industrie, Experimentalfilm und Kunstwelt in Frage stellen wollte. In den ersten Jahren arbeitete sie für das Collective als Organisatorin und Kuratorin, bevor sie 1974-75 nach Los Angeles zog, wo sie, obwohl sie sich immer als New Yorkerin verstand, bis zu ihrem Tod im Jahr 2022 lebte. In späteren Jahren erhielt das Collective viele Auszeichnungen für seinen bedeutenden Einfluss auf die kulturelle Landschaft der Stadt, während Halperns maßgebliche Mitarbeit zunehmend marginalisiert wurde, bis sie in Vergessenheit geriet.
Schon früh interessierte sich Amy Halpern für das Leuchten und die Natur der Dinge. Ihre Wahrnehmung der Welt war “symbiozän” – Alltagsgegenstände, Pflanzen, Landschaften, Tiere und Menschen existierten für sie im Verbund ihrer charakteristischen Rhythmen und anmutigen Körperlichkeit. Die intime und die Sinne ansprechende Natur ihrer Filme steht in einem genau bemessenen Verhältnis zu formalen Überlegungen in Bezug auf Raum, Licht, den Einsatz (oder Nicht-Einsatz) von Ton, Montage und Zeitlichkeit. In den frühen, in Manhattan gedrehten Filmen Three Preparations und Peach Landscape (im Programm als Teil des Opus I zu sehen) erkundet Halpern spielerisch, wie das Licht ein Objekt beschreibt und seine Ausdehnung die Bildgestaltung bestimmt. Dieses malerische-kompositorische Interesse setzt sich in Halperns Werk fort, zum Beispiel in Landschaftsfilmen wie Slow Fireworks (2019) und Verge (2022).
Das andere kunsthistorische Genre, das in Halperns Filmen prominent wiederzufinden ist, ist das Porträt. Während sie Menschen filmt, zeigt Halpern ein Warhol-ähnliches Vertrauen in ihre Figuren und vertraut darauf, dass ihr Charisma auch unter dem Blick der Kameralinse zur Geltung kommt. Das zarte und idyllische Porträt ihrer Mutter in Ma Sewing (2021) besteht aus einer Reihe von kurzen Aufnahmen bei verblassendem Tageslicht, wobei besonderes Augenmerk auf ihre Kleidung, ihre Gesten, ihre Bewegungen, ihre Körperhaltung und der Blick in die Kamera gelegt wird. Es ist ein so kompaktes und kraftvolles Porträt wie kein anderes in 90 Sekunden. Halpern hat den Film 1991 gedreht.
In ihrer Darstellung von Molchen (in Newt Pauses (2016), Newt Leaders (2020), Fire Belly (2021), 4 Fingers 5 Toes (2022)) treffen wir auf eine Reihe von filmischen Entscheidungen, die verschiedene Möglichkeiten des Mediums betonen und dabei ein bemerkenswertes Gespür für Farben offenbaren: seine Theatralität (Newt Pauses), die materielle, darstellende Seite des Films (Newt Leaders), die spielerischen Möglichkeiten zwischen Abstraktion und Figuration (Fire Belly) und die Fähigkeit des Films, ein Werkzeug für die wissenschaftliche Beobachtung zu sein (4 Fingers 5 Toes). Solche Filme wirken trügerisch simpel – eine oder zwei Filmrollen, die bei der Suche nach dem Objekt der Zuneigung eingesetzt werden. Und obwohl eine solche primäre Verbindung zum Filmischen für Halpern wesentlich ist, sind ihre formalen Entscheidungen dennoch maßgebend. In Newt Pauses hatte Halpern mit der Idee gespielt, am Anfang und am Ende des Films eine Jazz-Bassline zu verwenden, doch die dadurch verursachte drollige Wiedergabe der Bewegungsabläufe der Molche überzeugte sie davon, dass der Film stumm sein sollte. Auf diese Weise vermeidet Halpern eine naive Romantisierung und Exotisierung, nicht unbedingt zugunsten einer kühlen Beobachtung, sondern um die Vielfalt unseres Ökosystems zu erkennen und, wenn auch nicht explizit artikuliert, die Gefahren der Fragmentierung und Verschmutzung des Lebensraums, denen es ausgesetzt ist.

(Arindam Sen)

do 07/09 18:00 | eröffnungsprogramm – amy halpern pt 1: flüchtige blicke (screening in der pupille)

Das erste der beiden Halpern gewidmeten Programme mit dem Titel Flüchtige Blicke präsentiert eine Reihe von Kurzfilmen, die in loser Folge um Themenkomplexe der Landschaft, der Tierwelt oder des Porträts kreisen. Viele der Filme, die Halpern zwischen 2019 und 2022 fertiggestellt hat, wurden bis zu vier Jahrzehnte zuvor gedreht. Es ist daher kein leichtes Unterfangen, einen Überblick über ihr filmisches Schaffen zu geben, indem man einfach Filme aus ihrer fünfzig Jahre umspannenden Karriere als Filmemacherin herausgreift und zusammenstellt. Auffällig ist jedoch, dass ein klar erkennbares Entwicklungsmerkmal, ein Stil, etwas, das von Historikerinnen und Kuratorinnen gerne gesucht wird, im Werk von Halpern nicht vorhanden ist. Die Filme sind stilistisch vielfältig und verweigern sich den (männlich dominierten) Trends im experimentellen Kino. Die hier getroffene Auswahl soll daher einen Überblick über die Vielgestaltigkeit von Halperns Themenwahl und ihre gewandte Erkundung aller plastischen Eigenschaften des Mediums Film geben, die zu einem humorvollen, poetischen, persönlichen, spielerischen und subversiven Œuvre führen.

(Arindam Sen)


Programm zusammengestellt von Arindam Sen (freier Kurator). Mit Dank an Light Cone (Paris, Miguel Armas) für die Bereitstellung der Filmkopien. Mit Einführung vor den Filmen.

Opus I: Three Preparations / A Glance / Peach Landscape

R: Amy Halpern, 16mm, farbe, ohne ton, 11 min, 1972-1973

Hula

R: Amy Halpern, 16mm, farbe, ton, 5,5 min, 2022

Palm Down

R: Amy Halpern, 16mm, farbe, ohne ton, 6 min, 2012

Slow Fireworks

R: Amy Halpern, 16mm, farbe, ohne ton, 2 min, 2019

Verge

R: Amy Halpern, 16mm, farbe, ohne ton, 5,5 min, 2022

My Dear Evaporant,

R: Amy Halpern, 16mm, farbe,ohne ton, 5,5 min, 2022

Newt Pauses

R: Amy Halpern, 16mm, farbe, ohne ton, 7,5 min, 2016

Newt Leaders

R: Amy Halpern, 16mm, farbe, ohne ton, 4,5 min, 2020

Fire Belly

R: Amy Halpern, 16mm, farbe, ohne ton, 3 min, 2021

4 Fingers 5 Toes

R: Amy Halpern, 16mm, farbe, ohne ton, 11 min, 2022

Ginko Yellow

R: Amy Halpern, 16mm, farbe, ohne ton, 5 min, 2022

My Mink (Unknown Luxuries 2)

R: Amy Halpern, 16mm, farbe, ohne ton, 4 min, 2019

Ma Sewing

R: Amy Halpern, 16mm, farbe, ohne ton, 1 min, 2021

Jane, Looking

R: Amy Halpern, 16mm, farbe, ohne ton, 2 min, 2020

Amy Halpern – 4 FINGERS 5 TOES (2022)
Amy Halpern – 4 FINGERS 5 TOES (2022)
Amy Halpern – HULA (2022)
Amy Halpern – HULA (2022)
Amy Halpern – NEWT PAUSES (2016)
Amy Halpern – NEWT PAUSES (2016)
Amy Halpern – JANE, LOOKING (2020)
Amy Halpern – JANE, LOOKING (2020)
Amy Halpern – GINKO YELLOW (2022)
Amy Halpern – GINKO YELLOW (2022)

so 10/09 19:00 | amy halpern pt 2: längeres hinsehen (screening in der pupille)

Im zweiten Programm wird Halperns abendfüllende Tour de Force Falling Lessons (1992) gezeigt. In einem Gespräch, das ich 2022 mit Halpern führte, sagte sie: "Ich habe diese Meinung nicht sehr oft geäußert, aber ich betrachte Falling Lessons als Teil der L.A. Rebellion, er wurde sicherlich im Zusammenhang mit diesen Filmen gemacht." Ein inszenierter Vorfall rassistischer Polizeigewalt durchkreuzt das menschliche Gewebe der Porträts von 200 Persönlichkeiten, von Avantgarde-Filmemacher:innen wie Michael Snow, Shirley Clarke und Pat O'Neill bis hin zu Halperns Familie, Freunden und Bekannten und sogar einigen Unbekannten. Der Film enthält (nicht ohne Ausnahmen) eine Reihe von vertikalen Kameraschwenks nach oben, die bei den Zuschauerinnen den Eindruck einer Fallbewegung erzeugen sollen. In Halperns Worten: "Ich wollte diese Gesichter als ein Vokabular von Stimmungen und Farben darstellen, die Bandbreite zwischen Angst und Ekstase, und sie auf diese Weise anordnen". Falling Lessons wird zusammen mit Injury on a Theme (2012) präsentiert, einem schwer fassbaren Film mit verschiedenen erzählerischen Vignetten über Magie und Folter, die sich zu einem Rätsel verdichten. Er zitiert frei aus einigen von Halperns früheren Filmen und zeigt eine Vorliebe für die vertikale Schräglage mit ähnlicher visueller Wirkung wie in Falling Lessons.

(Arindam Sen)


Programm zusammengestellt von Arindam Sen (freier Kurator). Mit Dank an Light Cone (Paris, Miguel Armas) für die Bereitstellung der Filmkopien. Mit Einführung vor den Filmen.

Injury on a Theme

R: Amy Halpern, 16mm, farbe, ton, 7 min, 2012

Falling Lessons

R: Amy Halpern, 16mm, farbe, ton, 65 min, 1992

Amy Halpern – INJURY ON A THEME (2012)
Amy Halpern – INJURY ON A THEME (2012)
Amy Halpern – FALLING LESSONS (1992)
Amy Halpern – FALLING LESSONS (1992)
Amy Halpern – FALLING LESSONS (1992)
Amy Halpern – FALLING LESSONS (1992)